Es ist okay, die Gastfamilie zu wechseln!

Ich würde behaupten, dass mindestens jede(r) dritte internationale SchülerIn schon Probleme mit ihrer/seiner Gastfamilie hatte und in diesem Beitrag wollte ich dir ein bisschen Mut zusprechen, falls du dich in solch einer Situation befindest.

Andere Länder, andere Kulturen. Jeder kennt diese Redensart und sind wir ehrlich, das ist für viele Wahrscheinlich der Hauptgrund - wenn auch für begrenzte Zeit - in ein anderes Land zu gehen. Ich dachte mir, na gut, was soll schon passieren? Genau das ist auch die richtige Einstellung, aber manchmal kann es hart sein, ganz allein in der Fremde, deswegen dieser Post.

Als ich in meine erste Gastfamilie kam, wurde ich sofort mit offenen Armen empfangen, aber mit der Zeit sind mir Dinge aufgefallen, die nicht ganz so rosig waren. Beispielsweise lief in dieser Familie der Fernseher den ganzen Tag straight auf voller Lautstärke, was in den USA und Kanada anscheinend häufiger vorkommt, als in Mitteleuropa. Zusätzlich wurde einfach viel mehr aus der Dose und aufgewärmt gegessen. Das hier als kleiner Disclaimer, wenn du mit dem Gedanken spielst, in besagte Länder zu fahren. Selbstverständlich ist es kein Makel, es ist einfach anders.

Sich körperlich an diese neuen Umstände zu gewöhnen, kann schon seine Woche(n) dauern und es ist normal, in der Zeit heimisches Essen zu vermissen. Wenn dann aber noch zwischenmenschliche Konflikte in der ‘richtigen’ Familie, Gastfamilie, Freundeskreis, usw. dazukommen, wirds heftig...

In meinem Fall war es die Gastfamilie, die eigentlich total nette Leute waren. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, es war beschissen: Es war ein schir permanentes Gezanke in der Familie, Unruhe und allgemein hat es an Herzlichkeit und auch Respekt gemangelt. In diesen zwei Wochen, wo ich dort war, ging es mir extrem schlecht. Ich konnte weder schlafen, noch essen und mit der Anpassung an die neue Sprache war es auch echt schwer. 

Das ganze ist jetzt fast drei Wochen her und als ich gestern durch meine Notizen von ‘damals’ gegangen bin, sind mir ein paar Tipps eingefallen, die mir in der Situation echt geholfen hätten.

Tipp eins: Vergiss nie, warum du - in meinem Fall nach Kanada - gekommen bist und wie sehr du dich gefreut hast. Bestimmt hast du schon gehört, dass deine Agenten in Berlin E-Mails à la “Wie kann ich auf 3 Monate verkürzen” sofort löschen. Das ist das allerbeste, was dir passieren kann, weil sonst beißt du dir zurück daheim in den Hintern, dass du es nicht durchgezogen hast. Und hinterher kannst sagen: Ey, es war echt doof, aber ich habs gemacht!

Tipp zwei: Du bist nicht allein! Ich habe ja schon erwähnt, dass es mindesten 30% aller GastschülerInnen sind, die mit der Familiensituation im Gastland zu kämpfen haben. Natürlich kannte ich diese Zahl, trotzdem überwiegen auf diversen Foren, YouTube-Blogs usw. die positiven Berichte (was auf keinen Fall schlecht ist), was einen echt runterziehen kann. Wenn du in deinem Gastland noch keine Freunde finden konntest, gibt es von den Schulbehörden Beauftragte für die internationalen SchülerInnen (die organisieren manchmal auch Ausflüge oder so), Vertrauenslehrer und auch sonst kannst du einen Lehrer, den du am nettesten findest, nach der Stunde mal ansprechen, weil in Kanada ist das Schüler-Lehrer-Verhältnis sehr anders. Diese Leute müssen/können dir nicht das Patentrezept für dein Problem liefern  (sollen sie auch nicht), weil manchmal hilft es auch, sich - auf Gutdeutsch- bei jemandem auskotzen zu können.

Tipp drei: Elternkontakt. Klar, jeder von uns ist mindestens eine Nacht heulend wie ein Schlosshund dagesessen mit Mama oder Papa am Telefon. Und das ist gut so. Vor allem ich habe es extrem vermisst, Dialekt zu sprechen (ich komme aus Österreich, wo der Dialekt ein Stück Identität ist). Dennoch wäre ich vorsichtig, weil gerade die letzte Woche vor meiner beinahe überstürzten Abreise aus Gastfamilie eins sich mein Leben zwischen Schule und Telefonate mit meiner Mum abgespielt hat. Ich will nicht sagen, dass du deine Liebsten mit deinen Gefühlen nervst (und wenn doch, dann läuft da was falsch...), aber es hilft dir, dich wunderbar im Selbstmitleid zu suhlen (das ist btw eine extrem witzige Redewendung) und bei der Integration in dein Gastland ist es auch nicht gerade die beste Entscheidung. Was ich eigentlich sagen will ist, dass man sich, wenn man täglich telefoniert und dabei fast nur weint, sich echt in die Haare bekommen kann (ich spreche aus Erfahrung....)

Tipp vier: Was hilft gegen Heimweh? Beschäftigung! Keep busy, weil dann ist gar kein Platz für solch negativen Mist. Und ja, auch ich hatte schlaflose Nächte, in denen ich Nachts um halb vier Rotz und Wasser geheult habe. Ich habe eine Playlist mit Songs, die mich an Zuhause erinnern gemacht; das sind Songs auf Deutsch/andere Sprachen, die bei uns gesprochen werden und zum Beispiel der Lieblingssong meines Vaters. Falls du dann doch in eine Krise kommst (so weit ist es bei mir nie gekommen, aber ich kenne das von mir), hilft es, die Nummern von Sorgentelefonen zu kennen. Im englisch-sprachigen Raum sind diese besser aufgebaut, weil es schwer ist, eine psychotherapeutische Behandlung zu bekommen. Es gibt Kummernummern für fast alle Probleme, z.B. LGBT-Lifeline, Selbstverletzung und was es nicht sonst noch alles gibt. Obwohl ich niemandem wünsche, jene Nummern zu brauchen, kann es doch dieses ‘Ich-bin-ganz-allein-auf-dieser-Welt’ Gefühl nehmen.

Alles in Allem kann man sagen, dass kein Patent gegen Konflikte gibt. Manchmal wechselt man die Gastfamilie und manchmal klärt es sich von selbst auf und das alles war nur ein ganz großes Missverständnis. Reden hilft (ja gut, hab ich jetzt nicht gemacht, aber hey, ich bin auch nur ein Mensch...), obwohl die Kanadier für ihre zurückhaltende Art bekannt sind. Aber schlussendlich macht jeder und jede seinen und ihren Weg. Es bringt wenig, als Eltern da viel von außen einzugreifen, weil Grenzerfahrungen sind auch nur Erfahrungen, die uns zu ganz individuellen Charakteren macht.

Falls du jetzt immernoch keinen Mut hast: Hey, es ist okay, dass es dir nicht gut geht, es ist okay, dass du die Gastfamilie wechseln willst. Es ist aber nicht okay, dass du an dir selbst zweifelst, weil bisher ist jeder heile zurückgekommen. Du wirst deinen Weg machen und am Endes Tages wirst du vielleicht sogar darüber lachen, wenn nicht sogar stolz sein, dass du so jung den Mut hattest, dich ganz allein einer völlig fremden Kultur und Sprache auszusetzen. DU SCHAFFST DAS!!!!