Neufundland bietet einzigartige Rahmenbedingungen für den Schulbesuch: Deutsche Austausschüler sind hier noch eine Besonderheit, die staatlichen Schulen gut ausgestattet, die Natur umwerfend und die Newfies unglaublich freundlich und herzlich!
Mein Name ist Corinna Rodewald und ich bin bei GLS im Bereich High School Kanada tätig. Der dritte Teil meiner Kurzreise im März 2015 hat mich ganz in den Osten Kanadas gebracht, nach Neufundland.
Die aufgrund seiner steinigen Beschaffenheit „The Rock“ genannte Insel hat sogar eine eigene Zeitzone hat, d. h. selbst der Zeit in Quebec ist man hier eine halbe Stunde voraus. Näher an Europa und trotzdem in Nordamerika kann man nicht sein :-)
St. John’s, die Hauptstadt Neufundlands, hat ca. 100.000 Einwohner. St. John’s - Markenzeichen: knallbunte Townhouses in Downtown - ist die Heimat von Künstlern, Musikern und jungen iPhone-Nutzern.
Dies gepaart mit der hügeligen Beschaffenheit hat der ältesten Stadt Nordamerikas in der jüngsten Provinz Kanadas auch den Spitznamen „Mini-San Francisco“ eingebracht.
Kabeljau war mal St. John’s wichtigstes Kapital ("In Cod We Trust") und Grund für erbitterte Handelskämpfe von Franzosen, Engländern und Niederländern. Ende des 18. Jahrhunderts hatte Großbritannien den Kampf gewonnen, aber seit 1992 ist es ganz aus mit dem Kabeljau: Ein Fangverbot wurde erlassen. Nun dominiert die Ölindustrie. Und der Tourismus ist durchaus auch nicht zu vernachlässigen. Wer Natur liebt, ist hier goldrichtig.
Zum Beobachten von Walen und Papageientauchern (puffins) sollte man am besten zwischen Mai und September hier sein, Eisbergzeit ist im Mai und Juni, wandern kann man nahezu ganzjährig.
Ursprünglich war der Grund für die farbigen Häuser ein ganz banaler: Die Fischer konnten so von See aus leichter das Land mit der Siedlung ausmachen. Inzwischen ist es das Markenzeichen und entsprechend müssen auch Neubauten den Auflagen entsprechen und eine bunte Färbung aufweisen.
Das Wetter ist in Neufundland, ähnlich wie in Winnipeg, immer Thema. Der Unterschied: Es kann sich ständig ändern, durch die verschiedenen Einflüsse von einerseits dem warmen Golfstrom und dem kalten Labradorstrom, die vor der Küste Neufundlands aufeinander treffen, ist nie vorhersehbar, wer die Oberhand bekommt.
An meinem ersten Tag in Neufundland ist es jedenfalls meist eher bedeckt, nicht so kalt (knapp unter Null), aber so windig, dass es mich fast vom Signal Hill weht. Dort oben hat man einen fantastischen Blick über St.John’s, ist dem Wetter aber schonungslos ausgeliefert.
Viele „Newfies“, wie sich die Neufundländer auch selbst gern nennen, blicken auf europäische Wurzeln zurück. Irische und englische Vorfahren sind am häufigsten vorhanden und entsprechend fährt man auch eher nach Europa in den Urlaub als auf’s kanadische Festland – in fünf Stunden ist man in England, mindestens genauso lange braucht man auch bis Vancouver …
Einiges ist anders in Neufundland. So werden an den meisten Schulen durchgängig sieben Kurse belegt und statt einer zweiwöchigen Spring Break gibt es eine lange Easter Break. Die Rahmenbedingungen für den Schulbesuch sind hier aber sehr gut zu bewerten und Austauschschüler aus Deutschland sind hier tatsächlich noch so etwas wie eine Besonderheit.
Wir besichtigen die Mt. Pearl Senior High. Mt. Pearl ist ein eigenständiger Ort, geht aber nahtlos in St. John's über. Hier gehen Marie und Deivid zur Schule.
Die Schule hat ein außergewöhnlich gutes Musikprogramms mitsamt einem Show Choir, der regelmäßig auf Tour ist. Der Musiklehrer sprüht vor Enthusiasmus und überträgt dies auch auf die Schüler, genau wie die Theater- und Gitarrelehrerin.
Lunchtime concerts sind eine weitere Besonderheit dieser Schule – Beteiligung auch der internationalen Schüler ist gern gesehen.
Mt. Pearl hat ca. 1000 Schüler und nur eine Handvoll internationale Schüler (max. 2% internationale Schüler dürfen hier zur Schule gehen, so will es das Gesetz in Neufundland). Derzeit wird die Schule modernisiert. Letzten Sommer hat die Senior High School ein neues Gebäude bezogen und alle sind noch dabei, sich einzurichten. Die Schüler kommen sowohl aus Mt. Pearl (der Ort grenzt nahtlos an St. John’s an) wie auch aus Paradise. Auch in Neufundland verkehren die bekannten gelben Schulbusse.
Aber natürlich kann man auch mit dem Rad fahren. Es gibt sogar designierte Radwege, allerdings wird auch in dieser Gegend Kanads das Fahrrad eher für Freizeitaktivitäten als als Transportmittel gewählt.
Marie wohnt in Laufweite der Schule bei einem unglaublich netten älteren Ehepaar, die schon viele Gastkinder hatten und im Moment auch noch Diana aus Mexico ihr Familienmitglied nennen.
Michelle ist die zuständige Betreuerin für die Schüler (guidance counsellor) und zeigt uns die Schule. Ihr Assistent ist Jeff. Jeff betreut zudem auch das Ultimate Frisbee Team und bietet eine Meditationsstunde in der Lunchbreak am Dienstag an.
Die Schule hat das für Neufundland vorgesehene Kursangebot, eine Mischung aus akademischen und berufspraktischen Kursen.
Berufspraktische Angebote sind z. B. auch die „trades“, also Holzarbeit, Metallarbeit, Elektronik, Grafikdesign, wobei letzteres ein pre-engineering Kurs ist, der auf die Uni vorbereitet.
Alle Trades werden als Kombination angeboten, sind vorrangig für die nicht den akademischen Weg einschlagenden Schüler gedacht, können aber gern auch von internationalen Schülern belegt werden. Allerdings ist zu beachten, dass die Plätze begrenzt sind und ein Einstieg wegen der Sicherheitseinweisungen nur zum Schuljahresbeginn möglich ist.
Unterrichtet werden im ganzen Schuljahr sieben Kurse, linear, von Schuljahresbeginn bis Schuljahresende. Internationale Schüler werden ihrem Alter und ihrer Heimatklassenstufe entsprechend eingestuft. Es wird gern gesehen, wenn sie Englisch und Canadian History belegen, aber Pflichtfächer im strengen Sinn gibt es nicht. Deivid hat seinen Wünschen entsprechend Gitarre, Drama und Musik gewählt.
Deivid wohnt weiter entfernt von der Schule, fährt von daher mit dem Schulbus zur Schule.
Sportangebote gibt es reichlich, Eishockey und Fußball sind beispielsweise sehr starke Teams.
Natürlich gibt es auch einen Geräteraum, der auch sofern ein Lehrer anwesend ist, außerhalb der regulären Unterrichtszeit genutzt werden kann.
Die Holy Heart High School, zentral in St. John’s gelegen, ist die multikulturellste Schule Neufundlands (51 countries – one heart) und auch die einzige, an der man das Internationale Baccalaureate (IB) erwerben kann. Holy Heart ist zudem nach dem Semesterprinzip organisiert, d. h. pro Semester werden vier Kurse belegt. Die Schule ist sehr beliebt, bietet sie doch als eine der wenigen auch Englischförderunterricht an. Entsprechend schnell hat sie regelmäßig ihre Kapazitätsgrenzen erreicht.
Gonzaga High ist die nächste Schule, die wir besuchen. 750 Schüler gehen hier zur Schule in den Jahrgängen 10 bis 12.
Der Guidance Counsellor hier ist Tom – er ist auch derjenige, der den Schulrundgang mit uns macht:
Gonzaga High liegt in recht zentral in St. John's und in einer sehr akademisch orientierten Nachbarschaft.
Entsprechend gut ist auch der Ruf der Schule. Doch nicht nur im Akademischen hat die Schule die Messlatte hoch gehängt, auch sportlich rühmt sie sich großer Erfolge. Viele Sportteams hier sind sehr wettkampforientiert und wer nicht zugelassen wird, sollte sich nicht grämen, sportliche Betätigungsmöglichkeiten gibt es trotzdem. Die Teams werden schon am Schuljahresanfang gebildet, also auch für die Teams, deren Wettkampfsaison erst im zweiten Semester liegt. Für Schüler, die im zweiten Semester einsteigen, gibt es aber dennoch Sportoptionen. Work-Out/Fitness-Club, Musikstunden, Sportteams, akademische Wettbewerbe lassen die Gonzaga-Schülerschaft ganztägig aktiv sein. Trotzdem finden einige Schüler noch Zeit für informelle Jam Sessions in der Pause.
Der Tag, an dem wir die Schule besuchen, ist sog. Spirit Day. Dies bezeichnet aber nicht die Verehrung von Schulgeistern, sondern wird regelmäßig abgehalten, um den Schulgeist (school spirit) zu stärken und bedeutet faktisch, dass die Schüler keinen Unterricht haben, sondern zwischen Kino und Eislaufen als Aktivitäten wählen können. Demzufolge ist die Schule sehr leer. Die kompakte, zweistöckige Schule verfügt über die gängigen Räumlichkeiten: Küche und Werkstatt für die praktischen Fachangebote, Robotics Raum, Theater, Musikräume, Sporthalle, Cafeteria etc.
Chemielabor
Bücherei
Die Gastfamilien für die internationalen Schüler befinden sich nicht zwingend in unmittelbarer Schulnähe. Jakob z. B. fährt mit dem Schulbus. Seine supernette Familie besuchen wir am Abend:
Von links nach rechts: Gastbruder Deacon (begeisterter Hockeyplayer), Gastmutter Melissa, Jacob, Sandra Ward von NISEP (Newfoundland International Student Education Program, die GLS Partneragentur in Neufundland)
Melissa ist derart aktiv und lebhaft, dass man gar keine Chance hat, sich zu verkriechen. Sie coacht das Hockeyteam ihres Sohnes, neben einem Vollzeitjob und 1000 anderen Aktivitäten. Hier geht es sehr locker und entspannt zu.
Übrigens hat Neufundland eine durchaus renommierte Uni, die MUN – Memorial University of Newfoundland – liegt ziemlich zentral in St. John’s.
Sandra Ward, die zusammen mit ihrem Mann Mark NISEP (Newfoundland International Student Education Program), die GLS Partneragentur in Neufundland, gegründet haben, fährt mit mir durch St. John’s und zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt.
St. John's Basilica
Signal Hill, Wahrzeichen von St. John's, ist auch aus der Ferne gut sichtbar
Sandra und Mark kümmern sich persönlich und sehr engagiert um „ihre“ Schüler. Beide sind in Neufundland aufgewachsen und haben ein Team von Homestay Koordinatoren, die nicht nur die Gastfamilien für die internationalen Schüler aussuchen, sondern auch während des Aufenthalts in regelmäßigem Kontakt mit ihnen stehen. Sandra und Mark organisieren neben einer Orientierung für alle neuen internationalen Schüler auch während des Aufenthalts Kurzreisen.
Middle Cove Beach ist ein beliebtes Ausflugsziel, vorranging für ein Picknick am Wochenende im Sommer
Derzeit ist Sandra gerade mit den letzten Vorbereitungen für einen Wochenend-Skitrip beschäftigt, der kurz vor Ostern stattfinden soll. Im Mai findet ein Trip nach Toronto statt, incl. Niagara Fälle und Canada's Wonderland. Zusätzlich bietet jede Schule bietet einmal im Jahr einen Trip an, meist über Ostern, Ziele: New York City, Quebec, aber auch Hawaii oder Europa.
Sandra Ward mit Betreuerin Arlene Breen und drei GLS Schülern
Wir halten kurz am katholischen St. Bonaventure College, einer wunderschönen Privatschule, die leider inzwischen sehr hohe Gebühren erhebt, allerdings auch die Hockey Canada Skills Academy beherbergt.
Gelegen ist sie direkt gegenüber des modernen Museums „The Rooms“, das vor allem durch seine spektakuläre Architektur Aufsehen erregt.
Für die Schüler aber ist wahrscheinlich interessanter, dass auch ein Tim Horton’s Coffeeshop direkt in Laufweite liegt …
Wir machen noch einen kurzen Abstecher zur Waterford Valley School. Sie ist noch im Bau und wird die neue Superschule, die die beiden Schulen Bishops College und Booth Memorial ersetzen wird. Die brandneue, hochmoderne Ausstattung wird das Lernen hier zum Vergnügen machen. Eröffnung soll im September 2015 sein.
Prince of Wales (PWC) ist eine weitere der empfehlenswerten Schulen Neufundlands. Sie liegt sehr zentral im Stadtgebiet von St. John’s, in der Nähe der Universität, sodass es für die Schüler auch möglich ist, Universitätskurse mit zu belegen.
Wir fahren weiter nach Westen, in den Bezirk namens „Goulds“, direkt hinter Mt. Pearl gelegen. Hier befindet sich St. Kevin’s, eine Schule, die pro Jahr nur max. vier internationale Schüler aufnimmt und durchaus positives Feedback erhält.
Übrigens, aus dem Sektor Klatsch und Tratsch: Russel Crowe und Kiefer Sutherland werden des Öfteren mal Downtown St. John’s gesichtet. Sie sind große Neufundlandliebhaber.
Wenn Newfies ihre Insel verlassen, dann meist um in die Wärme zu entkommen. Genau wie bei den Festlandkanadiern ist Florida Traumziel vieler und oft Urlaubsdestination über die Osterferien. Den Weg nach Festland-Kanada finden dien Newfies ansonsten am ehesten aus Anlass eines Hockeyspiels in Montreal. Neufundland hat zwar auch ein eigenes Hockeyteam, die Icecaps, deren Heimat das MileStone1 Stadion ist, allerdings sind sie kein NHL Team. Deshalb feuern die Newfies patriotisch alle Festlandteams an, bei denen ein Neufundländer in der Mannschaft vertreten ist – besonders gern aber das Montreal-Team.
Der Schulbesuch ist in Neufundland auch in Corner Brook möglich, an der Corner Brook High. Corner Brook ist Sandras Heimatort und neben St. John’s ein weiteres, wenn auch kleineres, urbanes Zentrum. Strategisch günstig in der Nähe des Marble Mountain Skigebietes gelegen, sind hier Gastfamilien, die gern Ski fahren durchaus zu finden. Marble Mountains ist nach White Hills das größere der Skigebiete der Insel.
Ich erlebe übrigens richtig Winter in Neufundland. Das erste Mal in diesem Winter ist es hier richtig kalt, minus 10 Grad Celsius – sodass sogar ein Wasserfall zugefroren ist – ein durchaus spektakulärer Anblick, in der Nähe von Torbay, westlich von St. John’s.
In Neufundland begegnet einem überwältigende Freundlichkeit, gepaart mit tollen Möglichkeiten zum Schulbesuch, in einer Gegend Kanadas, wo deutsche Austauschschüler noch eine Besonderheit sind. Gern beantworte ich Fragen zum Schulbesuch in Neufundland!